Rekorde

Verfasst Oktober 3, 2010 von pehes
Kategorien: Leben

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Liebes Tagebuch,
seit einiger Zeit bin ich dabei diverse, wahrscheinlich recht sinnlose, aber für mich doch unterhaltsame, kleine, tägliche Rekorde aufzustellen, die meine Mitmenschen, ich bin mir was diese Sache angeht jedenfalls ziemlich sicher, auch wenn sie kein Wort darüber verlieren und sogar ab und an ein Lächeln sehen lassen, wie als wollten sie damit sagen „ja wir sehen dir zu, ja es ist wirklich toll“, nerven und je nachdem wie laut ich für diese diversen Rekorde werden muss und manchmal muss ich zugegebener Maßen doch ziemlich laut werden, auch die Nachbarn, was mir dann regelmäßig wütende Anrufe einbringt, die mich zu Anfang peinlich berührt haben, heute jedoch meiner Unterhaltung dienen, da es mir zeitweise scheint, als würden sich die Anrufer absprechen, da sie, es ist wirklich kaum zu glauben, aber definitiv der vollen Wahrheit entsprechend, sich oft so ähnlich klingen, dass ich an manchen Tagen glaube an Schizophrenie, oder sonst einer der zahlreichen Geisteskrankheiten erkrankt zu sein, da ein Déjà-vu das nächste jagt, an Sonntagen sind es, ungelogen, jeder der mir dass nicht glaubt sollte mich mal über das Wochenende besuchen, bis zu dreißig an einem Tag, an besonders verzwickten Tagen sogar bis zu einundvierzig, was mich psychisch bisweilen so aus der Bahn wirft, dass ich meinen Therapeuten per Handy anrufen muss (der Festnetzanschluss ist ja andauernd besetzt), ungeachtet jeder Tages- und Nachtzeit, aber, und das sage ich jetzt für alle, die auf der Suche nach einem sehr guten Therapeuten sind (aus welchen Gründen auch immer, ich möchte mich jetzt keinesfalls in private und privatere Angelegenheiten einmischen) er scheint niemals auch nur ein wenig genervt von mir zu sein, vielmehr fragt er mich sogar noch, wie es mir geht und ein Therapeut wird sich ja, ich gehe davon aus, wie wäre er sonst zum Therapeuten geworden, darüber im klaren sein, dass man von jedem halbwegs normalen Menschen auf so eine Frage (ich liebe solche Fragen ganz besonders, fragen sie meinen Therapeuten) eine halbwegs normale Antwort bekommen wird, denn ich denke, wer sich so eine Frage entgehen lässt, der ist, entschuldige bitte meine ungeschliffene Ausdrucksweise, vor allem an solch einem friedlichen Tag, an dem sogar nach langer Zeit endlich mal wieder die Sonne scheint und es nicht wie sonst in Strömen regnet, nicht mehr ganz dicht!

Mit Grüßen und Küssen,
JC

P.S. Leider habe ich den Ohne-Punkt-Satz-Rekord von vorgestern wieder einmal nicht übertroffen, was mich, den Umständen entsprechend nun…ach lass mich doch in Frieden!!!

Nachbarschaftswache

Verfasst September 9, 2010 von pehes
Kategorien: Leben

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Lieber Nachbar,

verzeih wenn ich dich so nenne. Du wohnst zwar auf einem anderen Kontinent, aber trotzdem fühle ich mich dir näher als Frau Herrmann von nebenan.
Heute morgen habe ich wieder mal einen Blick in deinen Vorgarten geworfen.
Ich muss sagen, du scheinst deine Zeit im Moment zu wertvoll zu halten für Gartenarbeit.
Naja, ich sehe es dir nach.
Wie ich sehe hast du nicht nur mit einer pubertierenden Tochter zu kämpfen (das Fenster rechts oben mit dem Marilyn-Manson-Poster), obendrein leidet deine Frau unter einem Reinlichkeitswahn (wobei ich ihr für die spiegelnd geputzten Fenster sehr dankbar bin) und gibt ständig dein ganzes Geld aus (der Zweitwagen mit den Einkaufstüten in deiner Auffahrt).
Das ist schon ein schweres Schicksal. Trotzdem habe ich meiner Frau erzählt, wie sehr du doch mein Bild von den etwas sittenlosen Amerikanern bestätigst.

Umgekehrt besteht diese Gefahr zum Glück nicht. Ich habe zwar auch schon früher den Vorgarten sauber gehalten, weil natürlich dann und wann Leute aus dem Dorf vorbei kamen und man weiß ja, was da geredet wird, aber jetzt wo praktisch die ganze Welt ihn sehen kann, ist das natürlich etwas anderes.
Naja, wir wollten ja sowieso etwas verändern, jetzt haben wir eben dieses Jahr den Urlaub ausfallen lassen und umgegraben, gejätet und gepflanzt.
Es ging schon einiges für Gartenzwerge und Figuren drauf, aber wir hatten ja gespart und außerdem ist es das wert.
Denn du, lieber Nachbar, denkst jetzt bestimmt nichts Falsches von mir.

Herzliche Grüße, dein LSZ

P.S.: Der einzige negative Nebeneffekt: mein wirklicher Nachbar, Herr Müller von nebenan, redet nicht mehr mit mir. Er hält mich für bekloppt wegen der Sache mit dem Garten.
Aber bei dem siehts auch aus! Kannst Du dir ja mal anschauen – mit Google Streetview!

Scream!

Verfasst September 9, 2010 von pehes
Kategorien: Literatur

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Liebe Freunde,

nicht allzulange ist es her, dass ich von einem Freund ein kleines Büchlein geschenkt bekommen habe aus welchem bereits das kleine Gedicht aus dem Artikel “Beflügelt” kommt. Da das ganze Buch (mal abgesehen von ein paar lustigen Liedern) voll ist von Sprüchen und Gedichten solcher Art habe ich beschlossen ab und zu mal eines davon hier an den Mann und an die Frau zu bringen.

Heute nur drei Zeilen:

I scream, you scream,
We all scream:
Ice cream!

Hiermit sende ich euch meine herzlichsten Grüße und bis ziemlich bald!
JC

P.S.: Was hättet ihr gerne als nächstes: eines aus der Rubrik “Valentines”, oder “No-Valentines” ?

Wir hassen den Sonntag!

Verfasst September 4, 2010 von pehes
Kategorien: Leben

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Lieber Papa,
danke, danke für dein Angebot!
Du bist der beste, großzügigste, netteste, fürsorglichste Vater aller Zeiten!
Mama hätte mir nie ihre Scheckkarte, „zu treuen Händen“ wie du’s so schön gesagt hat, übers Wochenende geliehen.
Mama hätte mich aufräumen lassen, aber du Papa – ach ich liebe dich einfach! Bis zum Mond und wieder zurück!
Du willst sicher alle Einzelheiten hören.
Dann mal los: samstagmorgens bin ich früh um 12 Uhr aufgestanden, habe mich schick gemacht und bin dann mit Chantal in die Stadt gefahren.
Fast überall ist Ausverkauf gewesen, ich habe mich gefühlt wie im Outletstore in New Jersey, weißt du noch?
Als erstes haben wir Schuhe geshoppt, weil ich schon während der Busfahrt ein drücken an den Zehen gespürt habe von den Ballerinas die mir Mama letzte Woche gekauft hat.
Ich bin extra gleich zum „Sales“- Regal gegangen. Aber Papa, sei mir nicht böse, die Schuhe da hätte Oma Hedwig tragen können. Die waren grauenhaft. Man hat echt gesehen warum die reduziert waren.
Chantal hat 4 Paar gekauft! Krass, oder? Ich musste an dich denken und was Mama sagen würde, wenn ich es übertreibe und habe es bei einem Paar roter Stiefel und zwei paar Ballerinas belassen. Ich meine, reduzierte Sachen konnte ich ja auch noch bei den Klamotten shoppen, oder? Bist du jetzt böse? Aber echt, die billigen Schuhe da sahen echt billig aus!!!
Oh so krass Papa, die rote Tasche, die Chantal gefunden hat war sooo hübsch und auch noch runtergesetzt um 150 Euro!! Sie wollte sie mir aber nicht geben, weil sie sie als erstes gesehen hatte, aber ich dachte mir, na, dann kaufe ich eben die schwarze und wenn ich die rote noch mal irgendwo finde, dann kaufe ich sie eben später. Und 150 Euro billiger als normal!
Wir haben so getrödelt, dass es schon 15 Uhr war und wir immer noch nicht nach Klamotten geschaut haben. Aber wir hatten so einen Hunger, dass wir zu Megges gegangen sind. Manchmal frage ich mich warum Mama sich immer so verausgabt beim Kochen, wenns doch eh keinem schmeckt!
Ich habe langsam keine Lust mehr zu schreiben, lieber ruf ich dich nachher noch an, aber ich muss dir noch kurz was erzählen: Wie gesagt sind wir ja nach dem Essen noch Kleider kaufen gegangen. Papa, du wärst stolz auf mich gewesen, sag ich dir! Ich hab echt nur reduziertes Zeug gekauft! Und wir haben so viel gespart wie in den letzten Monaten nicht mehr! Ich hab einen Mantel gekauft der um 20 Prozent runtergesetzt war. Chantal meinte das wären etwa 100 Euro weniger als vielleicht noch vor einer Woche! Und ich habe auch noch ein Paar Jeans von Marco Polo gefunden, die viel reduzierter waren als wie die vom H&M. Da gehe ich in Zukunft übrigens nicht mehr hin. Die haben ja bloß Männerunterhosen und Hüte reduziert. ESPRIT war nicht so gut, aber ich dachte mir ein Kleidchen (15% billiger) und ein paar T-Shirts sind ja auch kein Untergang.
Ach egal Papa, ich hör jetzt auf, ruf dich nachher noch an, von der Chantal aus, ja?

Du bist echt der Beste! Ich liebe dich!!!

Deine J.C.

P.S.: Chantals Mutter hat vorhin mit uns gerechnet, ich habe so ungefähr 635 Euro gespart. An einem Tag!

Eine Empfehlung

Verfasst August 31, 2010 von pehes
Kategorien: Literatur

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Liebe Mitmenschen auf der Suche nach euch selbst,

lest Paola Mastrocola!
Lest „Ich dachte, ich wär ein Panther“.
Auch wenn Ihr gar nicht auf der Suche nach Euch selbst seid, auch wenn Ihr meint, Euch schon gefunden zu haben, oder wenn Ihr es für Zeitverschwendung haltet, über Euer Selbst nachzudenken -lest es trotzdem!

Ich will gar nicht zu viel verraten, um den Genuss nicht vorweg zu nehmen, aber so viel kann ich Euch doch sagen: es ist trotz sprechenden Bibern, Fledermäusen, Kranichen, Flamingos und singenden Maulwürfen das erwachsenste Buch, das ich seit Langem gelesen habe.

Zu werden, der man ist, erscheint unglaublich schwer und verblüffend leicht zur gleichen Zeit. Einfach deshalb, weil es keine Alternative dazu gibt.

Aber lest selbst!
LSZ

P.S.: Es gibt nur einen Fall, in dem ich Euch von dem Buch abrate: Wenn ihr keine Enten mögt.

Der sanfte Riese

Verfasst August 31, 2010 von pehes
Kategorien: Leben

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Liebe Freundin,

als wir vor ein paar Tagen bei einem Glas Wein saßen, hast Du es mir erzählt: Du warst noch nie am Meer.
Jetzt bin ich am Meer und Du bist zuhause geblieben, aber in diesem Brief nehme ich Dich mit auf meine Reise.

Wie soll ich Dir das Meer beschreiben?

Du stehst am Strand und vor Dir breitet sich das Wasser aus, bis zum Horizont, nach vorne und zu beiden Seiten.

Das Meer liegt vor Dir wie ein großer, freundlicher Riese.

Kleine Wellen rollen auf Dich zu – zwar nicht gleichmäßig, aber doch unablässig, laufen am Strand aus, dann zieht sich das Wasser zurück, bis die nächste Welle wieder ankommt.
Wenn die Wellen etwas größer sind, brechen sie und es bilden sich weiße Schaumkronen.
Über dem Meer – am Horizont – erhebt sich der Himmel, auch er scheint unendlich weit, blau, mit kleinen weißen Schäfchenwolken.
Du stehst am Rand des Meeres und das Wasser umspült Deine Füße, zieht Dir den Sand darunter weg, sodass sich kleine Kuhlen bilden, in die Du langsam einsinkst.
Das gleichmäßige Rauschen und der Anblick der gewaltigen, tanzenden Wellen, lässt Dich ruhig werden.

An stürmischen Tagen erscheint dieser Riese nicht mehr so freundlich. Dann türmt sich das Wasser zu immer höheren Wellen auf, die sich donnernd an den Strand ergießen, jede einzelne erzeugt ein Meer von weißem Schaum.
Das Kommen und Gehen zu Deinen Füßen wird schneller, die Gischt aneinander stoßender Wassermassen spritzt Dir bis ins Gesicht und Du fühlst, würdest Du Dich jetzt dem Wasser hingeben: es würde Dich verschlingen.

Das beste am Meer ist aber eigentlich nicht der Anblick, das beste sind die Geräusche. Das Rauschen der Wellen ist unbeschreiblich. Dazu kommt der Wind, der Dir um die Ohren pustet.
Er lässt Dich auf eine unvergleichliche Weise spüren, dass Du lebendig bist, dass Du existierst.
Er pustet Dich richtig durch, zerzaust Deine Frisur und sorgt dafür, dass Du abends erschöpft ins Bett sinkst.

Also stell dir das vor, liebe Freundin. Du stehst am Strand, in diesem weichen Sand – er ist nass und dadurch fast samten. Das Wasser umspült Deine Beine, die Sonne scheint auf dich herab, der Wind weht Dir Dein Haar ins Gesicht, Du blickst auf den unendlich scheinenden Horizont – und bist einfach nur glücklich.

So – das schwöre ich Dir – könntest Du bis ans Ende Deines Lebens stehen.

Deine LSZ

P.S.: Sand zwischen den Zähnen, gelegentliche spitze Muschelscherben und nervige Touristen bitte ich zu entschuldigen.

Beflügelt

Verfasst August 31, 2010 von pehes
Kategorien: Literatur

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Liebe Leser,

ein kleines Gedicht um das von uns verursachte Warten zu überbrücken:

A swan swam over the sea

“Swim swan swim!”

The swan swam back again

“Well swum swan!”

Liebe Grüße und bis bald, versprochen!

P.S.: Ich kenne auch noch eins mit einem Bär….

Ich wohne hier!

Verfasst August 17, 2010 von pehes
Kategorien: Leben

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Liebe Nachbarin,

hast du dich nach dem Trubel gestern erholen können? Ich habe heute Nacht etwa 12 Stunden geschlafen und fühle mich dennoch wenig ausgeruht.
Als ich heute Morgen im Badezimmer vor dem Spiegel stand war ich etwas erschreckt über die verfilzte Mähne auf meinem Kopf und die violetten Halbmonde unter meinen Augen, aber ich dachte mir, das ist ja mit ein paar Minuten Bürsten und etwas Make-Up getan…
Nichts da!
Ahnungslos habe ich meinen Schlafanzug ausgezogen und wollte unter die Dusche steigen, da sah ich im Spiegel, dass mein gesamter Körper mit blauen Flecken nur so übersät war!
Heute Abend haben sie schon einen etwas lila Touch angenommen und jetzt gefallen sie mir schon ein wenig besser. (Besonders die länglichen Hämatome auf meinen Unterarmen finde ich interessant.)
Als ich dann ganz vorsichtig in die Dusche gestiegen bin und lauwarmes Wasser über meinen geschundenen Körper habe laufen lassen, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich mir nicht mehr sicher war, wie es gestern überhaupt dazu hatte kommen können.
Erinnern kann ich mich nur noch daran, dass es ein wunderschöner Tag zu werden schien, als wir morgens zum Bäcker gelaufen sind um Brötchen fürs Frühstück zu kaufen. Die Straßen waren noch leer, die ersten Marktstände wurden auf dem Marktplatz aufgebaut und am Himmel war nicht eine einzige Wolke zu sehen.
Wir haben gemütlich auf der Dachterrasse gefrühstückt.
Erinnere ich mich bis dahin richtig?
Und dann kamen wir auf die brillante Idee einen Ausflug in die Stadt zu machen. Am Mittag. Irgendwie ist ab hier aber alles ein bisschen konfus in meinem Kopf. An was ich mich erinnere kann ich eigentlich in nur einem unzusammenhängenden Satz beschreiben: Viele schwarze Köpfe, Blitzlichter, ganze Nester von wuselnden Füßen, die aus in reih und Glied geparkten Bussen quollen, viele Menschen in Shorts und Turnschuhen, seltsam kahlrasierte Schädel, rote Plastikblumen, die von einem in die Höhe gestreckten Arm aus riesigen, blitzenden Menschentrauben herausragten, Schweißgeruch und brüllende Kinder…
Ich kann mich weder erinnern wo wir gewesen sind, noch was wir gesehen haben, nur noch, dass ich ab und zu den Kopf in den Nacken gelegt habe um etwas frische Luft atmen zu können und ein bisschen blauen Himmel zu sehen.
Bist du irgendwann abgebogen und nach Hause gegangen? Oder haben wir uns nur aus den Augen verloren, weil wir den Fehler gemacht haben uns nicht an der Hand zu halten?
Ich hoffe nur dir geht es gut und du lebst noch!
Am besten machen wir unseren nächsten Bummel an einem verregneten Montagmorgen und bleiben die nächsten sonnigen Samstage in unserer Bude hocken.

Mit den allerliebsten Grüßen verabschiede ich mich und wünsche dir einen sicheren Sonntag zu hause.

Bis auf ein andermal!

Deine JC

P.S.: Morgen werde ich mir ein T-Shirt kaufen auf dem steht: „Heidelberg: Ich bin kein Tourist, ich wohne hier!“

Wer will schon normal sein?

Verfasst August 14, 2010 von pehes
Kategorien: Film

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Lieber Pablo Pineda,

Du bist schön!

Natürlich war auch für mich Dein Anblick zuerst ungewohnt, seltsam und ein bisschen verstörend. Kein Wunder, denn wie die meisten Menschen sehe ich meistens unauffällig in eine andere Richtung, wenn ich einen Menschen mit Behinderung sehe. Bloß nicht anstarren, damit sich der Andere nicht unwohl fühlt! Aber jetzt hatte ich genug Gelegenheit zum Starren.

Einhundert Minuten lang, die Länge des Filmes „Yo, también“, „Me too“.

Es gibt da eine Szene, in der man Dich sieht, besser gesagt Daniel, den Du verkörperst, zusammen mit Laura, die er liebt. Daniel ist glücklich und strahlt vor Freude.

Genau in diesem Moment konnte ich sehen, wie schön er ist. In diesem Moment hörtest Du auf für mich der Mann mit dem Down-Syndrom-Gesicht zu sein und wurdest zu einem Menschen, den ich jederzeit wiedererkennen würde. Irgendwie normal… und irgendwie schön.

Aber natürlich ist Daniel nicht normal und er wird es auch nie sein. Auch wenn seine Mutter alles dafür getan hat, ihn an die Gesellschaft anzupassen und seine „Defizite“ verschwinden zu lassen, behandelt selbst sie ihn nicht wie einen „Normalen“. Obwohl er längst erwachsen ist, bemuttert und kontrolliert sie ihn. Auch davon handelt der Film: vom Recht jedes Menschen auf Selbstbestimmung. Da ist Luisa, 27 Jahre alt, die sich in Pedro verliebt. Ihre Eltern gestehen ihr aber ein Gefühl wie Liebe gar nicht zu, sie glauben, Luisa ist naiv und kann nicht nein sagen. Bis sie die Sache selbst in die Hand nimmt.
„Ich bin kein Kind mehr!“, dieser Satz ist für Luisa und auch für Daniel ein wichtiger Schritt in der Beziehung zu ihren Eltern.

Ein Satz blieb mir besonders im Gedächtnis:
“Wofür das Alles, wenn ich am Ende doch nicht glücklich bin?“ fragt Daniel. Obwohl seine Mutter alles dafür getan hat, ihn zu einem möglichst normalen Jungen zu erziehen, kann sie ihm seine Behinderung nicht nehmen. Er wird niemals normal sein.
Aber trotzdem will er glücklich sein. Und das kann er nur, wenn es Menschen gibt, die ihn akzeptieren, so wie er ist. Laura tut das, bei ihr fühlt er sich „normal“. Sie liebt ihn sogar. Trotzdem können sie nicht zusammen sein. Das liegt aber nicht nur an seinem Handicap. Auch Laura ist nicht „normal“, sie kann nicht lieben, sagt sie, das unverfälschte Liebesbekenntnis einer jungen Frau bringt sie zum Weinen.

Es ist eine traurige Geschichte, die der Film „Me too“ erzählt, von Menschen, die niemals normal sein werden, da sie ihre Probleme niemals ganz ablegen können. Und dennoch handelt der Film auch davon, dass offene und unverfälschte Gefühle letzten Endes etwas Gutes bewirken.

Und davon, dass „normal“ einfach kein Synonym für „glücklich“ ist.

Das ist doch tröstlich, oder?

Natürlich ist dieser Film ein Gesamtkunstwerk, aber mein Dank gilt trotzdem besonders Dir, Pablo, dafür, dass Du den Mut hattest, ganz normal unnormal zu sein. Denn sind wir das nicht alle?

Ich hoffe, dass auch wir den Mut haben, dazu zu stehen!

Ich grüße Dich!
LSZ

P.S. Wenn Du so weiter machst, zündet hier bald ein Feuerwerk.


Me too – Wer will schon normal sein?

Paolo und die Teilchenphysik

Verfasst August 14, 2010 von pehes
Kategorien: Literatur

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Lieber Paolo Giordano,

es war schön von dir zu lesen!

Wirklich, ich habe mich unglaublich gefreut einen so fesselnden Brief von dir zu bekommen.

Aber kannst du mir sagen, wie du es geschafft hast mit nur 26 Jahren einen Roman zu schreiben, der zum meistverkauften Buch Italiens geworden ist? In 26 Ländern wurde er verkauft!

“Die Einsamkeit der Primzahlen” …

Und definitiv zu Recht. Ich meine wirklich zu Recht, zu Recht.

Das Beste aber an der ganzen Sache ist, muss ich dir gestehen, dass du nicht wie manch anderer erfolgreiche Schriftsteller Literatur studiert hast, sondern Physik. Ich frage dich jetzt zum wiederholten Male: Bist du ein Genie, oder bist du ein Genie?? Du hast den Roman also „nebenher“ geschrieben. Wie geht das? Gibt es eine geheime, physikalische Formel, die du erfunden hast und die es nur dir ermöglicht die Zeit anzuhalten und während alle Welt erstarrt ist in Ruhe zu schreiben? Ist es das? Und wenn nicht, was ist es dann?

Du bist auch sicher nicht der Typ, der sich mit traurigen Klängen berieseln lässt um in die richtige Stimmung für eine Szene zu kommen. Das machen wahrscheinlich nur Amateure. Profis setzen sich an den Tisch, nehmen eine Feder zur Hand und dann fließen die Worte nur so heraus. Ist es nicht so?

Um mal zum Inhalt zu kommen: Ich mag deine Alice. Sie war mir von Anfang an sympathisch. Direkt am Anfang, wenn ihr Vater sie drängt sich zu beeilen und sie sich in der Eile mit der Milch „zuerst die Zunge, dann die Speiseröhre und schließlich den Magen“ verbrennt, hat sie mir so leid getan, dass ich ganz wütend auf ihren unsensiblen Vater  geworden bin.

Und Mattia…na wer könnte ihn denn nicht mögen. Manchmal dachte ich mir „Mensch Junge, du hast ein schweres Los gezogen und obendrein versteht dich kaum einer“. Die Schuldgefühle über die verlorene Schwester, die ratlosen Eltern, die mit ihrem autistischen Sohn und seinen Zwängen, seiner Intelligenz,  nicht umzugehen wissen…

Und dann seine Verliebtheit, mit der wiederum er nicht umzugehen weiß.

So fast hautnah mitzuerleben, wie ihn der soziale Umgang mit seinen Mitmenschen quält und er sich immer mehr zurückzieht war zeitweise ziemlich hart.

Vieles war wirklich nervenaufreibend, aber gerade das (weißt du ja selber) macht die ganze Geschichte ja so fesselnd. Und dein Stil….hach…. darf ich mir gelegentlich mal was abschauen?

Um ehrlich zu sein hatte ich die ganze Zeit über gehofft, dass Alice und Mattia zueinander finden, was ja auch immer wieder den Eindruck machte. Aber eigentlich wollte ich das nur, damit ich hätte lesen können wie glücklich sie sind. Ein richtiges Zusammenleben der beiden, auf lange Sicht, könnte ich mir nicht vorstellen…

Und Paolo, dieser Fabio. Erst habe ich ihn so gemocht, den gutaussehenden Dottore, aber dann….war es die Angst um Alice, die nur noch Haut und Knochen war und innerlich „verdorrt“?

Jetzt habe ich noch eine Frage zum Schluss: Wird sich Alice von ihrer Sucht lösen können?

Ich weiß, eigentlich ist die Geschichte zu ende, aber in deinem Kopf geht sie doch bestimmt noch weiter—und es lässt mich einfach nicht in Ruhe, also bitte, bitte antworte mir!

Ganz liebe grüße und ich hoffe bald wieder von dir zu hören, oder zu lesen,

deine JC

P.S.: Teilchenphysik, was gibt es denn jetzt Neues??


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